Fallierte Ausstellung (mai 2014)


Gestern (jetzt natürlich schon wesentlich länger her) wollten wir uns eine klitzekleine Vernissage am Rande Luzerns gönnen. Den Hügel hoch vom Sääli. Meine Partnerin gedachte ein kleines Stück darüber fürs lokale Kulturblatt zu kritzeln. Das Thema der Ausstellung war Urban Farming-irgendwas-irgendwas. Etwas leicht hipsterisches. Wir hatten, vorderhand, nicht maximalen Einsatz beim ausbaldowern der Ausstellung gezeigt. Ich hatte eine coole pdf zum Thema runtergeladen (aber nicht wirklich gelesen), ein paar Seiten online überflogen, aber intelligenterweise nicht die Site der Ausstellung selber. Die Idee war, mit einem Minimum vorgefasster Meinungen aufzukreuzen, um dann maximal naive (oder unvoreingenommene) Fragen zu pflanzen, Spriesslinge und Unkraut aus unserem mentalen Vorgarten. Kognitives Frischgewächs. Noch hatten wir uns darum bemüht im allwissenden Internet das genaue Wo der Ausstellung herauszufinden. Stattdessen befragten wir des Handy‘s GPS, welches, hätten wir Norden auf dem Display und in realis in Einklang gebracht, sicher ziemlich nützlich gewesen hätte sein können. Was wir allerdings nicht hatten zu tun können vermögen.
Abstrakter Raum, Raum reduziert auf seine relationalen (und zwei-dimensionalen) Komponenten ist unlängst demystifziert, so wissen wir immer (oder könnten‘s zumindest) innert weniger Screenstupser und -streichler, wo auf dem planetaren Gitternetz wir uns befinden, ob nun aus der Vogel-, Boeing- oder Weltraummüll-Perspektive. Und all die coolen Pix bei denen sich Leute kurz überwanden kein Selfie zu machen. Vonwegen GPS, wir wissen dann genau wo, aber trotzdem fehlt da vitale Info, den nur der lebende Raum, die lebendige Erfahrung mit all jenen Sinneseindrücken, welche einen Ferienausflug reizvoller machen als einen Wiki-Click-Marathon, hergibt. Aber genug des drögen Kulturpessimus, diese Zeilen sind ja eigentlich einem Kulturpoops lokaler Couleur gedacht.
Ein Weilchen später haben wir den Austragungsort der Ausstellung doch noch gefunden. Diese Enttäuschung zu unterbieten wäre ein schwieriges gewesen. Da war so ein beinah-leerer Bungalow ungenauer Bestimmung. Ohne anzuklopfen, öffneten und durchmassen wir ihn erwartungslosen Schrittes. Auf der anderen Seite war ein-e grasige-r Hinterhof/Lichtung (falls das denn möglich ist), wo ein paar Damen mittleren Alters einen Grill befeurten und Stühle und Bänke in sozial-symmetrischen Formationen arrangierten. Da war klipp&klar, dass wir (oder diese fleissigen Frauen, oder die Götter selbst) etwas verk&ckt hatten. Innert kurzer Zeit wurde kommuniziert, dass wir zwei Stunden zu früh dran waren. Das war nicht Smalltalk, sondern so eine Art wohlwollender, irritierter Austausch von Informationen. Schlussendlich meinte einer der Frauen (waren sie alle drei verschiedene Manifestationen einer archetypischen Dame mittleren Alters?) frohgemut, dass wir uns die Kunstwerke trotzdem anschauen dürften, Wiedergutmachung dafür, dass wir unsere Glutei Maximi den Hügel hochgehievt hatten. Lieb. Klingt frei erfunden, aber das ist bei mir so abgespeichert, dass sie das Wort „Kunstwerke“ verwendet hätte gekonnt haben können. Mit an Sicherheit grenzender Unwahrscheinlichkeit.
Kunstwerke? Ich schaute mich nach Kunst um (Blick rechts, geradeaus, links, 7 Schritte zurück – repeat), um präzise zu sein, Ökologische– oder Landschaftskunst. Der lichte, die Wiese angrenzende Wald zeigte keine Anzeichen menschlicher Intervention. Weder ästhetischer noch landschaftsmanipulativer Art. Drinnen hatten die Räume des Bungalows einen verlassenen Eindruck auf mich gemacht, den ich allerdings lediglich aus den notorisch unzuverlässigen Augecken geformt hatte. Was zum…? Wo zum…? Eine der Frauen las meine lachhaften Gesten korrekt und sagte: „Gleich da drüben. Der Düngerwagen!“ Der Dünger-was?! dachte ich. Obwohl ich es natürlich bestens verstanden hatte. Ich hatte schon befürchtet, dass dieses klobige 2-Rad Ding Teil der Ausstellung sein würde und meine Stimmung sank gleich um 33%-Punkte. Auf jeden Fall erheblich.
Wir gingen dort hinüber. Über‘s Gras, durch Samstagssonnespritzer. Ein glorioser Tag muss ich zu bedenken geben, man hätte potentiell so einiges unternehmen können. Die hintere Klappe des Wagens stand offen und erlaubte einen Blick in den zylindrischen Innenraum. Das untere Viertel das Hohlraums war in Parkett ausstaffiert, dessen Intention zu sein schien, den Boden eines regulären White Cubes zu imitieren. Die dekadente (?) Kunstwelt in…. steig in den Bus Richtung Bahnhof, nimm dann den Zug nach Zürich, steig aus und um ins Tram XY, wieder raus bei einer Haltestelle nahe einer Gallerie voller Unerschwinglichkeiten, geh rein… genau die!
Ganz vorne am Tank (wo er am Traktor angebracht wird), wo es obenauf eine kreisrunde Öffnung hat, war untenan im Parkett ein Topf eingelassen. Vom Topf klomm eine Pflanze in Richung sonnenbeschienene Öffnung empor. Entlang des Tank-internen Parkett hatte der/die ErschafferIn unzusammenpassend einen Gehstock und eine Militärdecke platziert. ?. Ich dachte: konzeptuell durch den Wind. Zum Beispiel (und obwohl‘s schade um die Hirnenergie ist): ein riesiger Düngerwagen den man ansonsten in der industriellen Landwirtschaft einsetzt hat denkbar wenig mit Urban Farming am Hut. Noch was: wie passt die Militärdecke in diese symbolische Matrix? Nix Hehres weit&breit.
Wir zottelten aus dem Sonnenschein zurück in die… doch nicht den Bungalow… die Barracke. (Wo geisterhafte Soldaten einst einen harten Winter dank Decken und primitivem Urban Farming überlebten, ihre Feinde mit blossen Gehstöcken in die Flucht schlugen… dieser Ausstellung hätte man ihre Willkür links&rechts um die Birne klatschen sollen). !. Suchten dort drin nach einer Art Kompensation, ein Gegengewicht zur drückenden Enttäuschung. Stattdessen hiess uns weiterer Minimalismus willkommen. Im ersten Raum fand sich ein Netzwerk dünner Stahlröhren, welche vage an das Skelett eines Archeopteryxflügels erinnerten. Es sah nach maximal 3 Stunden Schweissen aus (mit oder ohne w, egal). Arbeitsstunden scheinen die einzig geeignete Masseinheit für diesen Müll. Ich sollte eigentlich das Wort Sch%&&e verwenden.
Im zweiten Raum war eine gigantische, quer-sezierte, aus Marmor (zumindest Stein) gehauene Muschel. Eventuell einem Lobatus Gigas nachempfunden, aber ich gebe zu, dass meine Conchologische Expertise lediglich dem Resultat einiger Wiki-Klicks entspricht. Im selben Raum waren drei hölzerne, sterile, Bienen-lose Stöcke auf ihren Transportkisten aufgebockt. Die Bienenstöcke waren vielleicht hochstilisierte Versionen authentischer Bienenstöcke, kein Plan. Es bedeutete rein gar nichts. Eine wahllose Gegenüberstellung von Apiarien und Muschelskulptur? Urban Gardening? Landschaftskunst? Bin ich kurz eingenickt?
Sogar in den mittelmässigen Ausstellungen gibt es normalerweise einen minimen, Aufwärtsschub im inneren Seinszustand, sei es aufgrund von Hehrem oder guter Handwerkskunst. Hier empfand ich allerdings null. Hätten wir vielleicht mit der KünstlerIn, die in 90min erscheinen würde, reden (sie konfrontieren) können, wäre… Meine Partnerin ging dann, als ob sie einen grob-ehrlichen Kommentar abgeben wollte, aufs Klo. Die konnten das wahrscheinlich für weitere Kunstwerke verwenden. Ich überlegte mir, wie ich den Rest des Tages verwenden konnte, ohne wiederum horrend ineffizient zu sein. Dann kam sie zurück, total erschöpft und wir verdüngersierten uns.

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