Happiness oder eben auch nicht [Chronicles of Dis-/Infection, sep 2015]


Es ist schwer, das Glück in uns zu finden, und es ist ganz unmöglich, es anderswo zu finden. – N. Chamfort

(Es konnte ja nur soweit kommen, also, jetzt auf Deutsch gespickt mit Fehlern. Und plötzlich ist nun doch Deutsch die Muttersprache, weil schriftlich und nicht von der feucht-helvetischen Zunge geflutscht.)

Was letztens im Harpers stand, vor einem Monat oder auch zwei: dass so eine Art Glücklichkeitsverschwörung im Gang sei (siehe Joy Ploy – The dismal science of human optimization). Glücklichkeitsverschwörung, so ein Langpups von einem Wort musste schon lang wieder mal rausgepresst werden. Zurück zum Content, denn die Frage kommt wie aus der US-Polizeiknarre-auf-male-African-American-gerichtet geschossen: Was das? Glücklichkeitsverschwörung? Joy Ploy? (Wo sich nun doch schon eine erste gravierende, semantische Konfusion kundtut. Tuuuuut tuuuuut!)

Das Argument, maximal gerafft und sicherlich in allen Dekaden mal wieder aufflammend, ist, dass die quasi-industrielle Produktion und Kommerzialisierung in den USA gegenwärtig auf Hochtouren läuft. Mit zwei salienten Merkmalen: A) dem arbeitsgeberischen Glücklichkeitsdiktat B) der beinahe komödiantischen und zugleich tragischen Quantifizierung des besagten Glücks. Ein Schelm, wer vermutet, dass das Adjektiv “neoliberal” freizügig geschwungen wird (wird es; obschon ich auch ein dezidierter Gegner seiner nominalisierten Realität bin).

Item, als Beweisstücke für die US-amerikanische Epidemie der Freudenslist (dem verwendeten Synonym für Glücklichkeitspflicht; die begriffliche Verwirrung findet auf einem ähnlich hohen Niveau wie ebenhier statt) werden angeführt: obligatorische Dankbarkeitstagebücher, verpflichtende Happiness-Workshops, eine veritable Flut von Glücksliteratur (The Happiness Solution, The Happiness Project, Happiness Now!, and 10% Happier, etc.), Glücklichkeitsumfragen seitens des Arbeitsgebers und, federführende Unterstützung aus der Popkultur: Willliams’ omnipräsenter Happy Musikclip.

Letzterem scheint Kristin Dombek die Verantwortung für den massenkulturen Boom zuzuweisen. Insbesondere der 24-h Version des Videos, in der sich eine südkalifornische Tänzerin an den nächsten SoCal Tänzer reiht in einer endlosen Parade von umherwibelnden Glücksmonaden. Hier gelangen wir zu einer Crux ihres/meiner Argumentes/Kritik-desselbigen: während sie die Problematik im Obligatorium der Dauerglücklichkeit sieht (mit seiner engen Verstrickung zur arbeitsmarktlichen Quantifizierung), würde ich eher die Inszenierung des Begriffes (und seine wiederholte Verklärung) bemängeln. Dombek hat natürlich recht, dass ein Zustand der zwanghaften Dauerglücklichkeit eher beängstigend als befreiend wirkt… aber: die TänzerInnen glühen geradezu vor Euphorie und “Glück” UND jeder einzelne Auftritt ist von äusserst begrenzter Dauer. Es bedarf einer geradezu tödlichen Dosis an Zynismus, um sich dieser Glücksmomente nicht gewahr zu werden oder sie selber spiegelneuronisch nachzuempfinden. Abgesehen von einem Schuss egophiler, selfie-esker Inszenierung und der endlosen Aneinanderreihung ist dagegen nur sehr wenig einzuwenden.

Was allerdings problematisch scheint (und nach der sehr partiellen Visionierug von diesem Clip komme ich mir bei so einer Beanstandung geradezu unendlich kleinscheisserisch vor), ist die Verschlirrgung von happy, joy, fun und happiness… oder glücklich, Freude, Spass und Glück (im nicht-Lottogewinn-mässigen Sinne). Tanzen und Musik hören lassen einen glücklich sein, Freude und Spass haben, aber sie sind zeitlich-spirituell betrachtet, doch nur ein Funken dessen, was Glück in seiner Essenz, wenn es denn eine gibt, ausmacht.

Vom Dalai Lama über Ricard Mathieu, schon bei Aurelius und heutzutage bei Goleman et al. wird das Glück als ein temporal länger oder gar lebenslänglich anhaltender Zustand begriffen, der nicht von Euphorie, sondern einer geistigen Haltung, vorallem gegenüber anderen, geprägt wird. Das Glück muss hart & innerlich trainiert werden! Wohingegen die von Dombek angeprangerte Glücklichkeitsmaschinerie vorgaukelt, dass dieses in Workshops und mit lapidarem Herumgetanze erreicht werden kann. Als BetrachterIn kann man das z.B. testen, indem man sich einen Tag nach der (vollständigen) Betrachtung von 24-h Happy fragt: empfinde ich immer noch Glück? Ja na, so einfach ist die Sache zum Glück nicht; Dombek legt gekonnt ihr analytisches Netz über die grosse US-amerikanische Glücklichkeitsepidemie neoliberaler Provinienz. Und wenn ihre Argumentation teils zynisch erscheint, dann ist es, so hoffe ich, eine Art palliativer Anti-Zynismus zu dem im Diktat und der Quantifizierung schon enthaltenen.

(…to be continued…. and corrected!)

±|≠§π

Advertisements

About tmabona

writer, reader [bolano, DW, bellow, deLillo], runner, badmintoneer
This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s